Re:Re:publica 2013

Puh, meine zweite Re:publica hinter mich gebracht und so viele Talks wie möglich mitgenommen, sprich: viel, viel Input & Inspiration. Wie bereits im letzten Jahr hat mich die Station als Veranstaltungsort rundum begeistert (You had me beim Geräusch der Hochbahn), die einzelnen Stages boten meiner Ansicht nach auch immer genügend Platz für alle Zuschauer und selbst, wenn man mal zu spät für einen Stuhl war, konnte man immer einen Steh- oder Anlehplatz ergattern.

Auflistung der gehörten Vorträge (als Videoverlinkung, sofern vorhanden):

Die Vorträge über Feminismus, Aktivismus, Netzneutralität, Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben, etc. würde ich am liebsten mit einem gebrüllten “EFFING JA VERDAMMT” abnicken und zur Tat schreiten. Gefreut habe ich mich vor allem über die feministischen Vorträge von Laurie Penny und Anne Wizorek, vor allem, da ihnen auf der größten Bühne auch entsprechend Raum und Geltung seitens der Konferenzorga entgegen gebracht wurde. Zu Annes Ausgangsfrage, “Was hat #Aufschrei gebracht” kann es natürlich nicht die Antwort geben und schon gar nicht kann man erwarten, diese auch noch fertig aus dem Vortrag mitzunehmen. Daher ist die Frage des Danachs eine Sache, die jede_r für sich selbst feststellen muss. Ich für meinen Teil würde mir wünschen, dass sich Männer stärker in die Diskussion einbringen und Sexismus auch als ihre Realität anerkennen. Denn auch wenn sie der Ansicht sind, nicht selbst aktiv Sexismus zu betreiben (wager O-Ton eines Gesprächs, das ich auf der Re:publica mitbekommen habe: “[…] Mich (= Mann) betrifft das alles gar nicht, mir ist das total egal ob da eine Frau oder ein Mann vor mir steht, ich behandel die nicht anders […]”) oder zu reproduzieren, müssen sie einfach anerkennen, dass jede Frau, mit der sie in ihrem Leben zu tun haben, Sexismus ausgesetzt ist. Somit muss er unweigerlich auch ein Teil des männlichen Bewusstseins werden. Indem Männer nicht nur (wie immer von der Gesellschaft auferlegt) auf die Frauen in ihrer Umgebung “aufpassen”, sondern insbesondere auf die Männer um sie herum acht geben und eingreifen, kommentieren, hinweisen. Sei es dass sie in einer gemischten/homogenen Runde einen Redner_in darauf hinweisen, dass jenes Kommentar nun unangebracht/sexistisch/scheiße/tbc. war. Denn natürlich ist es besonders einfach, Frauen als hysterisch oder empfindlich zu bezeichnen, wenn sie nun einmal in der Regel die Einzigen sind, die auf Sexismus hinweisen. An dieser Stelle auch noch einmal ein von Herzen kommendes DANKESCHÖN an Anne für einfach alles!

Besonders hervorheben möchte ich auch noch den Vortrag von Kate Miltner, die eine wissenschaftliche Untersuchung zu Cat Memes gemacht hat und diese wirklich super-sympathisch präsentiert hat. Ein bisschen heulen vor Lachen hat mir an diesem Tag wirklich gut getan, danke dafür!

Ein Punkt, mit dem ich bereits im letzten Jahr gehadert habe, ist der Umgang mit den echten Menschen aus dem Internet. Ich könnte für die #rp14 vermutlich eine Session darüber halten, wie man wunderbar drei Tage Re:publica überstehen kann, OHNE mit einem anderen Menschen zu sprechen. Geht. Wunderbar. Daher bin ich ganz froh, dass ich es dieses Jahr doch geschafft habe, mich zumindest ein bisschen aus meiner Kommunikationsverhedderung zu lösen. Die Belohnung waren dann wirklich tolle Menschen, zum greifen nah und in-echt.

Trotz der vielen Menschen, habe ich mich sehr wohl gefühlt und mich seltsamerweise nur ganz wenig geärgert, was für meine Maßstäbe wirklich selten ist. So ungewöhnlich, dass es mir am ersten Tag abends plötzlich auffiel: wow, keine negativen Emotionen gehabt. Gestört haben mich höchstens die hohen Preise für Essen und Trinken (außer: Kaffee für 1€, FTW!), weswegen ich hiermit auch meinen wohl unterschätztesten Begleiter der Konferenz nachträglich heilig sprechen möchte: Stulle is king! oder wie meine Käsebrote und Kekse mich vor einem Hungertot bewahrt haben. Obwohl ich wirklich viele Vorträge gesehen habe, bleibt das Gefühl, so viel verpasst zu haben, daher hole ich noch immer Vorträge auf Youtube nach.

Danke an das Team der Re:publica für alles. Es schweißt aber auch ungemein zusammen, wenn am Ende einer dreitägigen Konferenz ~3000 Menschen Bohemian Rhapsody im Chor singen. Ich hoffe, mein Mut und Willen hält sich noch eine Weile und ich finde meinen persönlichen Weg, den gewonnen Input entsprechend freizusetzen. Last but not least:

Multi-view Bohemian Rhapsody at re:publica 2013 from rha:publica on Vimeo.

Review: Chris Ware “Building Stories”

Wie oft habe ich mich bei dem Anblick eines alten Hauses schon gefragt, was es mir wohl alles erzählen würde, könnte es sprechen. Wie oft habe ich mich schon gefragt, welche Geschichten sich hinter den hell erleuchteten Fenstern der Wohnhäuser um mich herum verbergen? Wie oft habe ich mich schon gefragt, wer all diese Menschen sind, mit denen man täglich die Stadt teilt. Ähnliche Fragen muss sich auch der Comiczeichner Chris Ware gestellt haben, als er ein Jahrzehnt lang an seiner Graphic Novel-Comic-Epos “Building Stories” schrieb und zeichnete.

Ich studiere Literaturwissenschaften, ich lese regelmäßig schwierige, merkwürdige, schöne und theoretische Texte um Wörter und ihren vermeintlichen Gehalt. Doch als ich mein Bestellexemplar nach einigen Mühen™ aus der Packstation entbunden hatte und plötzlich mit diesem riesigen Paket in meinem Zimmer stand, wusste ich bereits, dass dieses Comic mehr Gehalt hat, als das Meiste, das ich bisher gelesen hatte. In einer brettspielartigen Verpackung fand ich schließlich 14 einzelne Fragmente vor: große, kleine, gebundene, lose – Hefte, Poster und Zeitungen:

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Ein wenig ratsuchend schaut man sich nach einer Anleitung oder Ähnlichem um, etwas, das einen an die Hand nimmt und sagt, wie man am besten beginnen sollte. Das ist natürlich quatsch, denn man sollte einfach reinspringen, in die Leben, die Ware detailgetreu portraitiert. Man schaut ihren Werdegängen zu, lugt in ihre Wohnungen und fühlt sich dabei ein wenig wie ein Voyeur, der fremde Menschen ausspäht [was man ja auch eigentlich genau tut und eigentlich schon immer wollte, also danke, Chris!]. Schließlich ist der Titel “Buliding Stories” doppeldeutig, zum einen schaut man hinter die Fassade eines Wohnhauses und beobachtet dessen Bewohner, zum anderen baut man sich die Geschichten bzw. ihre Reihenfolgen selbst zusammen. Es gibt keinen Anfang oder Ende, sondern immer nur ein Mittendrin.

Besonders die Zusammenarbeit von Bildern und Worten zerwühlt einen zunehmend, denn es sind beiweiten keine heiteren Geschichten die Ware erzählt, sondern erschreckend realistische, trübe und melancholische Episoden von typischen Großstadtmenschen, wie man sie täglich erlebt und bei denen man sich fragt, bin ich auch so? Das Fröhliche gibt es nur als Fetzen, das Traurige hingegen drängt sich kraftvoll in den Vordergrund – ohne dabei zynisch oder verbittert zu wirken. Die verschiedenen Formate (keineswegs handlich!) verstärken diesen Eindruck. Man blättert nicht stur von Seite zu Seite um, sondern erlebt gleich mehrere Medienbrüche hintereinander, Inkonstanz, wie sie die Protagonisten selbst schließlich auch erfahren. Aber es macht dennoch unglaublichen Spaß, in den vielen kleinen und großen Fragmenten zu wühlen und dabei auch immer nach sich selbst zu suchen.

“Building Stories” habe ich aber auch als Ode auf das Großstadtleben gelesen. Man lebt über- unter- und vor allem nebeneinander, anonym und verfremdet. Tagtäglich rauschen Menschen und ihre Geschichten an einem vorbei, streifen einen durch Wortfetzen oder Blicke, um dann wieder zu verfliegen. Durch “Building Stories” wird man zum kurzen verharren animiert, denn es gibt immer mindestens eine Geschichte hinter jeder Fassade, die es wert ist, erzählt zu werden.

 

Worte

Nichts knallt die Gedanken so schön gegeneinander, wie gute Literatur.(naja, gute Musik noch). Welch Synapsenfeuerwerk

Ich begreife übrigens jetzt gut, dass man ganz innen in der Brieftasche die Beschreibung einer Sterbestunde bei sich trägt durch alle die Jahre.

[aus: Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge}

Retrospektive 2011

(via)

Das Jahr begann im Januar, Feburar, März in einem anderen Land und trennte mich die bisher längste Zeit von Berlin. Den Kopf durchpusten, das Herz Sehnsucht spüren lassen, realisieren, nur Meer reicht mir leider doch nicht. Sich als einen wertvollen Teil von etwas Kleinem fühlen. Anerkennung erfahren. Ach Dänemark…

Rückkehr nach Berlin im März und sich im wahrsten Sinne ganz klein in Berlin fühlen. Aber auch endlich Heimat und das eigene Bett und die eigenen Menschen wieder um sich haben. Zeit haben und trödeln.

April, Mai Juni, Juli den Alltag finden und schnell in Hast geraten, weil so viel geschafft werden muss. Die Nerven tanzen wild herum, der Trubel reicht bis August, September und Oktober, in denen Prüfungen und Warten im Vordergrund stehen. Es passt mir gut, dass der Sommer vom Wetter her nichts hergibt, ich sah die Sonne eh nur von Innen. Zwischendrin im Regen auf zwei Festivals tanzen.

Das endlich nach Jahren erreichte Ziel geschafft und doch trotzdem innerlich leer und müde. Der blöde Bruder Zweifel ist ein ständiger Begleiter und bis Dezember behält er die Oberhand, doch dann eine Wende und das Wissen darum, dass der Jahreswechsel auch zu einem persönlichem Wechsel und Neuanfang wird, bereitet ein wohliges Gefühl. Zuversicht und (Vor-) Freude tummeln sich in mir. 2012 kann kommen.

Musik auf den Ohren (Auswahl)

Arcade Fire / The National / Fanfarlo / Morrissey / Beirut

Gelesen (Auswahl)

Siri Hustvedt / John Irving / Alfred Döblin / Paul Celan / Ingeborg Bachmann

Herzzeit.

Man liest ein wenig verschämt, so als müsse man ganz leise sein, um die beiden nicht zu stören:

I: “Dass ich dich dennoch liebe, ist seitdem meine Sache geworden. Ich werde jedenfalls nicht, wie Du, trachten, auf die eine oder andre Weise, mit dem einen oder anderen Vorwurf, mit dir fertig zu werden, Dich zu vergessen oder dich fortzustossen aus meinem Herzen; ich weiss heute, dass ich vielleicht nie damit fertig werde und doch nichts von meinem Stolz einbüssen werde, wie du einmal stolz sein wirst, Deine Gedanken an mich zur Ruhe gebracht zu haben, wie die Gedanken an etwas sehr böses.” [S. 33]

P: “Wir wissen genug von einander, um uns bewusst zu machen, dass nur die Freundschaft zwischen uns möglich bleibt. Das andere ist unrettbar verloren.” [S. 41]

aus: Herzzeit. Briefwechsel. Ingeborg Bachmann und Paul Celan.