Review: Chris Ware “Building Stories”

Wie oft habe ich mich bei dem Anblick eines alten Hauses schon gefragt, was es mir wohl alles erzählen würde, könnte es sprechen. Wie oft habe ich mich schon gefragt, welche Geschichten sich hinter den hell erleuchteten Fenstern der Wohnhäuser um mich herum verbergen? Wie oft habe ich mich schon gefragt, wer all diese Menschen sind, mit denen man täglich die Stadt teilt. Ähnliche Fragen muss sich auch der Comiczeichner Chris Ware gestellt haben, als er ein Jahrzehnt lang an seiner Graphic Novel-Comic-Epos “Building Stories” schrieb und zeichnete.

Ich studiere Literaturwissenschaften, ich lese regelmäßig schwierige, merkwürdige, schöne und theoretische Texte um Wörter und ihren vermeintlichen Gehalt. Doch als ich mein Bestellexemplar nach einigen Mühen™ aus der Packstation entbunden hatte und plötzlich mit diesem riesigen Paket in meinem Zimmer stand, wusste ich bereits, dass dieses Comic mehr Gehalt hat, als das Meiste, das ich bisher gelesen hatte. In einer brettspielartigen Verpackung fand ich schließlich 14 einzelne Fragmente vor: große, kleine, gebundene, lose – Hefte, Poster und Zeitungen:

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Ein wenig ratsuchend schaut man sich nach einer Anleitung oder Ähnlichem um, etwas, das einen an die Hand nimmt und sagt, wie man am besten beginnen sollte. Das ist natürlich quatsch, denn man sollte einfach reinspringen, in die Leben, die Ware detailgetreu portraitiert. Man schaut ihren Werdegängen zu, lugt in ihre Wohnungen und fühlt sich dabei ein wenig wie ein Voyeur, der fremde Menschen ausspäht [was man ja auch eigentlich genau tut und eigentlich schon immer wollte, also danke, Chris!]. Schließlich ist der Titel “Buliding Stories” doppeldeutig, zum einen schaut man hinter die Fassade eines Wohnhauses und beobachtet dessen Bewohner, zum anderen baut man sich die Geschichten bzw. ihre Reihenfolgen selbst zusammen. Es gibt keinen Anfang oder Ende, sondern immer nur ein Mittendrin.

Besonders die Zusammenarbeit von Bildern und Worten zerwühlt einen zunehmend, denn es sind beiweiten keine heiteren Geschichten die Ware erzählt, sondern erschreckend realistische, trübe und melancholische Episoden von typischen Großstadtmenschen, wie man sie täglich erlebt und bei denen man sich fragt, bin ich auch so? Das Fröhliche gibt es nur als Fetzen, das Traurige hingegen drängt sich kraftvoll in den Vordergrund – ohne dabei zynisch oder verbittert zu wirken. Die verschiedenen Formate (keineswegs handlich!) verstärken diesen Eindruck. Man blättert nicht stur von Seite zu Seite um, sondern erlebt gleich mehrere Medienbrüche hintereinander, Inkonstanz, wie sie die Protagonisten selbst schließlich auch erfahren. Aber es macht dennoch unglaublichen Spaß, in den vielen kleinen und großen Fragmenten zu wühlen und dabei auch immer nach sich selbst zu suchen.

“Building Stories” habe ich aber auch als Ode auf das Großstadtleben gelesen. Man lebt über- unter- und vor allem nebeneinander, anonym und verfremdet. Tagtäglich rauschen Menschen und ihre Geschichten an einem vorbei, streifen einen durch Wortfetzen oder Blicke, um dann wieder zu verfliegen. Durch “Building Stories” wird man zum kurzen verharren animiert, denn es gibt immer mindestens eine Geschichte hinter jeder Fassade, die es wert ist, erzählt zu werden.